Galerie 3 Ringe
Antonienstraße 59
04229 Leipzig

Öffnungszeiten
DI–SA
14–18 UHR 


Anna Schimkat

wind - Version für Rostock zu hören in Leipzig

Im Rahmen des Atelierstipendiums der Hansestadt Rostock hat Anna Schimkat von Oktober bis Dezember 2018 Windharfen entwickelt, die sie an verschiedenen Orten der Stadt platzierte, um die Geräusche in und um sie herum aufnehmen zu können. Diese Aufnahmen werden am 15. Februar 2019, zusammen mit ihrem Archiv der Windgeräusche, in einer konzertanten Raumkomposition in der Galerie 3 Ringe in Leipzig zu erleben sein.
Die bildende Künstlerin entwickelt ihre Arbeiten an der Grenze zwischen Skulptur und Klang. Die Frage, wie wir überhaupt Erfahrungen machen, und das Bewusstsein für dieses Zustandekommen zu schärfen, stellt sich Schimkat mit ihren Arbeiten selbst, aber auch dem Betrachter. Im Speziellen interessiert sie sich für die bewusste Wahrnehmung von Klangräumen, die sie in einem multidisziplinären Ansatz bearbeitet.
Für das Projekt “wind” werden, seit 2010 an verschiedenen Orten gesammelte, Windgeräusche in musikalischen Arrangements und räumlichen Kompositionen zusammengebracht. Der seither gesammelte Wind stammt aus Syrien, Kanada, Frankreich, Spanien, Großbritannien, Italien, Dänemark und Deutschland. Eine wichtige Erkenntnis in der Arbeit mit Wind war die, dass die Geräusche des Windes nur hörbar werden, wenn er etwas in Bewegung setzt oder ein schon vorhandenes Geräusch mit sich führt. Und, egal wo er weht, das vom Wind erzeugte Störgeräusch im Mikrofon ist das gleiche. Während diese absichtslos gefundenen Töne zum komponierten Rhythmus, zur Klangcollage verschmelzen, werden die Hintergrundgeräusche des Windes, und damit der mögliche Ortsbezug, in der Abstraktion verwischt.

Aufnahmeorte:
Toitenwinkel
Das Dorf Toitenwinkel wurde im 13. Jahrhundert gegründet. In der DDR-Zeit war Rostock von 1952 bis 1990 DDR-Bezirksstadt und wurde systematisch durch neue Stadtgebiete erweitert, bis es auf über 250.000 Einwohner*innen anwuchs. Dazu wurden die umliegenden Dörfer eingemeindet und durch große Plattenbausiedlungen erweitert. Nachdem die Kapazitäten für den Wohnungsbau westlich der Warnow erschöpft waren, entstanden östlich der Warnow die Wohngebiete Dierkow, 1980-1987 und Toitenwinkel, 1987-1995. Auch in Toitenwinkel ist das Bestreben erkennbar, trotz der Restriktionen des industriellen Wohnungsbaus eine gewisse Wiedererkennbarkeit zu schaffen. Geplant wurde die Siedlung für 27000 Menschen. Aktuell hat Toitenwinkel etwa 14000 Einwohner*innen. Bei der Bundestagswahl 2017 wählten rund ein Viertel der Stimmberechtigten die AfD, damit hat sie derzeit die Mehrheit im nordöstlichen Stadtteil. Der einstige Sky-Markt ein paar Hundert Meter entfernt vom neuen Standort außerhalb des Viertels steht seit 2015 leer. Der schmucklose Platz, das “Friedensforum“ (oder “Sternplatz“), ist umsäumt von kleinen Läden, die mit dem Sky-Markt eröffneten und nun teilweise wieder schließen mussten. Die Initiative “Unser Sternplatz“ bemüht sich seit Anfang 2018 darum die Halle soziokulturell zu beleben und damit den Platz lebendig zu erhalten.
Aufnahmeorte: Dorf Toitenwinkel, neben einem Einfamilienhaus und am Eingang des Sternplatzes, auf Empfehlung der Ansässigen, da dort der Wind immer durch pfeift.
Klingt der Wind in Toitenwinkel Dorf anders als in der Plattenbausiedlung?

Der Stein der “Blagmantelschen” in der Befestigungsmauer der Westmole/ Warnemünde.
Der Legende nach stürzte sich eine Frau “im blauen Mantel” in den Strom, nachdem sie von einem französischen Soldaten (1806-1813 lag eine Abteilung der napoleonischen Armee bei Warnemünde) schwanger und von der Bevölkerung ausgegrenzt wurde. Seit dem muss sie als Spukgestalt umherwandern. In dem Stein in der Westmole entdeckten Arbeiter bei der Errichtung der Mole im Jahr 1896 eine Frauengestalt in blauem Mantel.
Erzählt der Wind die Geschichte des Ortes?

Der Turm der Petrikirche.
Östliche Altstadt. Der höchste Punkt Rostocks.
Der Turm ist mehrfach in seiner Geschichte durch Blitz und Krieg zerstört worden. Auf Initiative der Bürgerschaft hin wurde er zum zweiten Mal in den 1990er Jahren wieder aufgebaut. Die Petrikirche wurde mit Rostock 1531 evangelisch. Der Reformator Joachim Slüters wirkte von der Petrigemeinde aus. Als sich im Herbst 1989 in der DDR viele Menschen für Gerechtigkeit und Freiheit versammelten und begannen, gemeinsam dafür in vielen Städten zu demonstrieren, trafen sich die Rostocker vor ihren Märschen durch das Stadtzentrum zu Andachten in der Petrikirche.